ReCare Boomerang

Der Anthroposoph Rudolf Steiner hat es so beschrieben:
Der Mensch verdankt den Pferden die Weiterentwicklung seiner verstandesgemäßen Klugheit zur Weisheit und Spiritualität.

Die Geschichte   BOOMERANG[1]

war – als er zweijährig in den Rennstall kam – auch als Nachkomme überragender Vater- u. Mutterlinien ein großer Hoffnungsträger seines damaligen Besitzers. BOOMI stammt aus der berühmten Mutterlinie Familie 7. Seine Großmutter LICATA mit der „Ittlinger“ Tochter LAUREA brachte in der 2. Generation zwei Klasse-Derby-Sieger und so zwei gute Zuchthengste mit LANDO und LAROCHE. LANDO gewann als erstes deutsches Pferd den JAPAN-Cup und avancierte mit diesem Erfolg zum Millionär.

BRIGATA[2], die Mutter von BOOMERANG entstammt aus der Verbindung mit dem Ausnahme-Vollbluthengst BRIGADIER GERALD und ihrer berühmten Mutter LICATA. BOOMERANG’s Vater BUSTINO war ein erfolgreicher Vererber. Man kann sagen, BRIGATA’s Eltern – mütterlicherseits sind eine Legende.[3]

BRIGADIER GERALD deckte leider in einem kurzen Zeitraum von drei Jahre. Seine Nachkommen waren gute Pferde, aber nicht ebenso talentiert wie der Vater. Es gab einen französischen Sohn, ein kaum beachteter Hengst, der anschließend zum Staunen aller mit mittelmäßigen Stuten erfolgreiche Gruppepferde zeugte. Leider erlag dieser vielversprechende Nachkomme nach kurzer Deckkarriere einem Herzversagen. Bei den Söhnen a.d. BRIGATA – BOOMERANG und BRISK ARROW – konnte man die Begabung des berühmten Großvaters BRIGADIER GERALD erkennen.

Beide Pferde sind nach wie vor für uns die „Wunderpferde“. BOOMERANG konnte sein Talent leider durch einen sehr früh erlittenen Sehnenschaden nicht mehr umsetzten. Seine außergewöhnliche Veranlagung war nicht zu übersehen, wie auch sein unbeschreiblicher Charakter. Ich habe selten ein so erhabenes, ruhiges, klares und feinfühliges Pferd kennen gelernt. Er war den Menschen zugewandt und für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen ein Glücksfall. Mit seinen traumhaft schönen Bewegungen im Trab und Galopp vermittelte er jedem Reiter mit Gespür ein Erfolgserlebnis – ein einmaliges Gefühl, was es bedeutet, ein Pferd zu reiten. Es fühlte sich an, als hätte man eine Goldmedaille erworben. Er gehörte in der Männerrunde zu den Favoriten und wurde von den Kindern und Jugendlichen heißgeliebt.

BRISK ARROW stammt vom Derbysieger LUIGI ab und verfügt über viel Speed aus seiner Blutlinie. Er war mit 8 Siegen und 13 Zweit und Drittplätzen ein Volltreffer für einen Zuchtneuling wie mich – ein damals außergewöhnliches Geschenk. Äußerlich gleicht er seinem Großvater BRIGADIER GERALD. Wie er galoppierte und  seine Rennen gewann, kann man eine große Ähnlichkeit erkennen. Immer von außen überlief er sein Feld, aber auch ein glatter „Start- Ziel“ Sieg war für BRISK ARROW kein Problem.

So war es eigentlich nicht verwunderlich, dass ich mich für alle Familien aus dieser Blutlinie besonders interessierte. Schon von meinem pferdekundigen Großvater hatte ich als kleines Kind gelernt: „Mit einem Pferd hast Du auch die Verantwortung gegenüber dessen Familie. Also achte darauf, wenn Du Dich für ein Pferd entscheidest“.

Diese Einsicht ist bis heute für mich ausschlaggebend. Als ich dann BOOMERANG nicht mehr im Trainingsstall vorfand, begann ich sofort mit der Suche.

Ich fand ihn – nach kurzer Aktion einschließlich einer überkletterten Mauer – eingepfercht in eine dunkle Ständerbox.

Neben ihm stand ein kleiner hübscher Fuchshengst, „LOCANDO“. Es gibt manchmal Momente, da scheint man über sich selbst hinauszuwachsen. So konnte ich, mit Unterstützung meiner Begleiterin Babsi Neidl, bereits nach kurzer Verhandlung die beiden Pferde für lediglich 3000,00 DM zurückkaufen. Mein bester Tierarzt und Freund schüttelte darüber nur den Kopf Er versorgte beide Hengste umgehend in seiner Klinik. Dann allerdings begann sich die Stimmung gegen mich zu richten. Aber für mich stand fest, es gib kein Zurück. Mit Herz und Verstand begann ich für diese beiden Helden zu kämpfen.

Nach dieser Aktion betrachtete ich meine geliebte BEST OF ALL (heute 30 Jahre alt), meinen hübschen PROSPECT DANCER, (heute 28 Jahre alt) mit anderen Augen. Eine tiefe Verbindung zu diesen wunderschönen, ehrlichen Vollblütern begann sich zu entwickeln. Meine nunmehr eigenen und geretteten Helden gewannen Rennen, was das Zeug hielt. So konnte ich – als unerfahrener Newcomer – in den Folgejahren einen Sieger nach dem anderen vom Geläuf führen.

Heute nach 28 Jahren möchte ich urteilen, dass es als Glücksfall verstanden werden sollte, wenn man sich mit diesen starken und großartigen Sportlern beschäftigen kann und sie sogar als Besitzer als sein Eigentum (d.h. als Teil der eigenen Familie) nennen darf. Die nachfolgenden Jahre waren schwierig, die Kosten hoch, aber auch hier half wohl eine Glücksfee – es war, als ob sich alle lieben Galopperseelen hinter diese Aktionen stellten.

Aber man ist halt ein „Newcomer“, und man sollte die informellen Gesetze nicht strapazieren und überfordern. Als Züchter von Rennpferden hatte ich keinen Erfolg. Auch als aktiver Rennpferde Besitzer erging es mir ebenso. Was war der wichtigste Grund? Ich konnte mich leider von keinem meiner geliebten Tiere trennen!

So kamen sie in die Jahre. Ich musste mich entscheiden. Mehr als Ausflucht und zur Verzögerung härterer Maßnahmen begann ich an einem neuen Konzept zu arbeiten. Glücklicherweise kann „von oben“ der Segen hinzu. Viele Seelen mussten wohl in Aktion getreten sein. Es war wieder ein kleines Wunder. Es sollte dadurch gelingen, und so konnte ich BOOMERANG und LOCANDO sowie die meisten Vollblüter behalten. Daraus entwickelte sich dann im Laufe von Jahren eine nachhaltige Nachwuchsförderung für Kinder und Jugendliche und eine zweite Karriere für ehemalige Rennpferde.

 

                                                                                   Ostersonntag 2018

 

[1] mit dem kleinen schwarzen Fleck auf der linken Hinterhand, ein Wahrzeichen seines Vaters BUSTINO
[2] Brigata, 30 Jahre mit ihrem Pfleger (Rentner – liebevolle Pflege 2 x die Woche)
[3] American Pharoah – ein Nachkomme von BRIGADIER GERALD aus der Vatermutterlinie 

Hannelore Gallin-Ast

AfterRaceCare-Germany

Die zweite Karriere eines Rennpferdes

Was bekommt der 4-beinige Sieger eines Pferderennens eigentlich für seinen Erfolg als Entlohnung? Eine Medaille, eine Hymne, viele Karotten …?

Auf den ersten Einlaufplätzen gibt es Siegesprämien von manchmal weit über 1000,00 €. Hinzukommen noch ganz erhebliche Summen an Wettgewinnen. Dann gibt es noch Züchter- und Besitzerprämien und weitere Vorteile bei einem Auktionspferd. Glücksgefühle bei allen Beteiligten, Sekt- und Geberlaune. Es wird gelacht, geschunkelt und gefeiert.

Und was hat der eigentliche Sieger davon?  

Er kommt schweißüberströmt und hoffentlich gesund auf den Siegerring, wird gestreichelt, gelobt. Das Atmen fällt schwer, das Herz pocht und dennoch sieht man auch in seinen Augen die große Freude! Der Siegerkranz ist lästig, die Hymne laut und das Stillstehen fällt schwer. Dann geht es wieder  zurück in die Gastboxe, den Transporter, auf  Heimreise.  Nach wohlverdienter Ruhe in der vertrauten Box beginnt alles wieder von vorne – beim nächsten Rennen. 

Dann kommt irgendwann unweigerlich das Aus! Ende der Rennsportkarriere.

Und dann ...?

Was geben wir unserem Rennpferd, das als Athlet viele Euro eingaloppiert hat, zurück?

Was spräche deshalb dagegen, wenn wir unseren ehemaligen Rennbahnhelden eine zweite Karriere ermöglichen und gleichzeitig für unsere Gesellschaft einen Nutzen realisieren könnte? Das Projekt AfterRaceCare Germany der Beginn dazu und der Deutsche Rennsport kann dabei zum Vorreiter werden.

Ander Länder haben bereits ähnliche Projekte lanciert:

  • http://www.thoroughbredaftercare.org
  • http://www.thankshorseproject.com/

Nach einem Rennen mit formidablem Speed eines Rennpferdes ist die Frage legitim: „Wer ist hier eigentlich der Gewinner?“ Aber,  natürlich: „unser Held, das Rennpferd“!

Um dies herauszufinden, stellen wir uns selbst die Frage: Wenn ich mein Pferd wäre, wie würde ich meine Aufgaben nach einer Rennkarriere gestalten.

Nach Jahren Trainingsablauf würde man als erstes an „Urlaub“ denken. Urlaub auf einer großen, saftigen Koppel, neuen Freunden und  gutem Futter. Außerdem zwickt es hier und da, so dass man erst einmal die neue Umgebung auf sich wirken lassen möchte.

Und dann? „Umschulung“? Was versteht man darunter?

Umschulung bedeutet wieder Sattel, Zaumzeug, Boxen, Hallen, eventuell Einzelpaddock –  meist ohne Koppel und wenn ja – dann alleine für zwei oder drei Stunden auf kleinen Gehegen. Drei oder vier Monate in Ausbildung? Was sollte das Ergebnis sein und für welchem Zweck? Als Verkaufspferd für ein stattliches Entgelt für Freizeitreiter mit der Aussicht als Dressurpferd, Springpferd, für Military oder dergleichen?

Wozu? Es gibt doch bereits so viele Freizeit-, Dressur-, Spring- und Military-Pferde, die auch einen guten Platz suchen!

Wir zeigen neue Wege: mit den Ergebnissen einer auf 17 Jahre ausgelegten Langzeitstudie mit mehr als 20 Vollblütern wurde bei Rennpferde BOOMERANG bereits ein Exempel statuiert. Wir zeigen auf, dass wir  eine an den Rennsport angelehnte „Umschulung“ gewährleisten können – in Verantwortung  einzig und allein zum Wohle und als Dank an diese wunderschönen Vollblüter.

Wir arbeiten mit unterschiedlichen Einrichtungen zusammen, weiteres ist in Vorbereitung und wird konstant weiter verbessert werden.  

Es wäre zu diskutieren dass jedes aktive Rennpferd ein eigenes  „ReCare-Konto“ bekommt und jeder Züchter, Besitzer, Trainer, Jockey, Betreuer – aber auch glückliche Wettgewinner usw. können  einen kleine Beitrag darauf einbezahlen. Das wäre der Anfang.

Mit Wettorganisationen und Versicherungen könnte eine Zusammenarbeit stattfinden. 
Weitere Residenzen könnten bewirtschaftet werden. 
Weitere Zielgruppen könnten für Nachbetreuung, Programme, Workshops, Social Days usw. gewonnen werden. 
Es könnten auch weitere bundesweite „Junior-Cups“ organisiert werden. 

Ein Lichtblick für alle Rennpferde, ein spannendes Vorhaben – packen wir es an!  
19.07.2016
Hannelore Gallin-Ast

YouTube-Kanal: AfterRaceCare Germany