Wie Jugendförderung gelingen kann – ein Beispiel für Verantwortung, Vertrauen und die Kraft der
Begegnung zwischen Menschen und Pferden
Vorbemerkung
Jugendförderung ist ein Begri, der in vielen Bereichen verwendet wird – von der Schule über den Sport bis hin zur Musik. Doch was macht eine erfolgreiche Jugendförderung aus? Anhand der Geschichte des jungen Wallachs ARCHIE und seiner Bezugsperson Tess
Armani in der Vollblut-Dependance Happach lässt erkennen, dass eine gelungene Förderung weit mehr ist als das Vermitteln von Fachwissen oder Disziplin. Sie ist ein Prozess, der individuelle Bedürfnisse, Verantwortung, Vertrauen und das Gefühl von Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.
Die Ankunft von Archie
Am 24. September 2023 um 14:10 Uhr war es so weit: Archie, ein fuchsfarbener Wallach mit beeindruckender Abstammung – ein Sohn von LORD OF ENGLAND aus der Anna Mia – trat seine Erholung – Rekonvaleszenz auf dem Hof der Vollblut-Dependance in Happach im Landkreis Dachau an. Vorausgegangen waren viele Telefonate, Planungen und die Organisation eines Transports von München-Riem nach Happach. Trainerin Sarah Steinberg hatte den Weg geebnet und dafür gesorgt, dass Archie, einen Platz in dieser besonderen Gemeinschaft bekommt. Archie ist nicht irgendein Pferd: Er stammt aus der
renommierten Zucht des Gestüts Brümmerhof und hatte die besten Erbanlagen für eine Karriere auf der Rennbahn. Doch wie es bei einigen, sensiblen und hochkarätigen Rennpferden vorkommt, verlief Archies Karriere nicht geradlinig. Nach mehreren misslungenen Startversuchen entwickelte er eine zunehmende Abneigung gegen Rennbahnen und Startboxen, wurde nervös, schreckhaft und für das Team kaum zu händeln. Die Entscheidung fiel daher: Archie braucht eine Auszeit, er soll zur Ruhe kommen – fernab des Trainingsbetriebes, aufgenommen in seine Herdengemeinschaft „Vollblut“
ReCare® BOOMERANG Vollblut-Dependance in Happach
Die Dependance unter der Führung von Frau Gallin Ast ist bereits ein besonderer Ort. 15 ehemalige Rennpferde, drei Ponys und zwei Schafe fanden vor langer Zeit hier ein neues Zuhause, ein Netzwerk liebevoller Pflege und fachkundiger Anleitung. Die Philosophie dahinter: Jedes Tier hat einen Wert, auch über seine sportlichen Erfolge hinaus. Zugleich bietet die Dependance jungen Menschen die Möglichkeit, Verantwortung im Umgang mit Tieren zu übernehmen und daran zu wachsen.
Eine besondere Begegnung: Tess und Archie
In dieser Phase war auch Tess Armani – genannt Tess – auf dem Hof in Ausbildung. Sie ist jung, voller Energie und Enthusiasmus, und von Anfang an bestand eine spürbare Affinität zwischen ihr und Archie. Tess erkannte den sensiblen Kern des Wallachs, seine Unsicherheiten und seine Sehnsucht nach Vertrauen. Durch einen behutsamen Austausch, stets unter der Aufsicht und Verantwortung von Frau Gallin-Ast, durfte Tess sich Archie anvertrauen. Sie übernahm die Betreuung von Archie – nicht leichtfertig, sondern mit großer Ernsthaftigkeit. Tess, so schien es, war für diese Aufgabe wie geschaffen. Die Beziehung zwischen Tess und Archie entwickelte sich zu einer echten Vertrauenspartnerschaft.
Der Weg zur Heilung: Geduld, Empathie und gemeinsame Zeit
Gemeinsam, unter Anleitung und in stetiger Reflexion, arbeiteten Tess und Frau Gallin-Ast daran, Archie wieder zu stabilisieren. Sie gaben ihm Zeit, ließen ihn ankommen, sorgten für Rituale, die Sicherheit vermittelten, und für Momente, die Freude bereiteten. Schon bald zeigte Archie erste Zeichen von Gelassenheit. Statt panisch zu reagieren, begann er, den Menschen zu vertrauen. Für Tess war dies eine prägende Erfahrung. Sie merkte, wie wichtig es ist, Geduld zu haben, zu beobachten, sich auf das Tier einzulassen und Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für einen anderen. In den folgenden Wochen entstand zwischen den beiden ein enges Band. Tess wuchs an ihrer Aufgabe, lernte, eigene Grenzen zu erkennen, aber auch, über sich hinauszuwachsen.
Die Sehnsucht nach einer Zukunft mit Archie
Die intensive Zeit ließ den Wunsch in Tess reifen, Archie dauerhaft in ihrem Leben zu behalten. Sie hätte das Pferd gerne erworben – doch die Besitzerin, Trainerin Sarah Steinberg, sah das Potenzial in Archie und war noch nicht bereit, ihn jetzt zu verkaufen. Man wusste um seine Fähigkeiten, und die Hoffnung blieb, dass Archie nach der Ruhephase wieder an seine alten Stärken anknüpfen würde.
Ein neues Kapitel: Archie kehrt zurück auf der Rennbahn
Tatsächlich kehrte Archie nach einer Aufbauphase, geprägt von Fürsorge, Geduld und kontinuierlichem Koppelgang mit seinen Artgenossen, zurück nach München-Riem. Nach Wochen der Fürsorge im Rennstall, ein Neustart mit einer vorsichtigen monatelangen Aufbauphase und kleinen Starts, wurde Archie für Hamburg in einem voll besetzten Ausgleich II – Rennen genannt Am 6. Juli 2025 startete Archie und wurde nach einem klugen Ritt von René Piechulek, seinem ständigen Reiter während der Trainingsphase, zum Sieger. Mit seinem Erfolg galoppierte er gelassen eine beachtliche Summe ein und zeigte allen, welches Potenzial in ihm steckt. Archie hatte seinen Weg zurückgefunden. Vielleicht ahnt er, dass am Ende seiner Karriere, Tess auf ihn wartet. Seine Box, bei seinen Freunden in Happach ist ihm sicher.
Veränderung und neue Chancen: GOLDEN LILAC
Nach Archies Rückführung nach München-Riem im Frühjahr 2024 entstand auf dem Hof eine Lücke, die von Tess schmerzlich empfunden wurde. Doch das Leben auf der Dependance kennt keine Stillstände: GOLDEN LILAC, eine edle, erfolgreiche Vollblutstute, wurde dem Hof anvertraut und wenig später nach Happach gebracht. Sie füllte die Leere, die Archie hinterlassen hatte, und Frau Gallin-Ast bot Tess eine neue Herausforderung, eine neue Möglichkeit, Verantwortung zu zeigen und zu wachsen.
Jugendförderung auf dem Hof – ein Modell mit Zukunft
Die Geschichte von Tess, ARCHIE und GOLDEN LILAC ist mehr als die Erzählung einzelner Schicksale. Sie steht exemplarisch für das Konzept der Jugendförderung auf der Dependance Happach. Junge Menschen erhalten hier die Chance, sich einzubringen, sich selbst zu erfahren und an ihren Aufgaben zu wachsen. Die tägliche Arbeit mit den Tieren – ob Pflege, Training oder Beobachtung – fördert Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein.
Die Familie Armani bot an, die Dependance zu unterstützen, nicht nur ideell, sondern auch personell und substanziell. Die vorläufige Übertragung von GOLDEN LILAC ist ein Zeichen der Wertschätzung an Tess Armani und ein Bekenntnis zur Weiterführung des erfolgreichen Jugendförderungsmodells.
Die Kraft der Begegnung
Frau Gallin Ast hat mit ihrer Dependance eine Oase geschaffen, die weit über den Tierschutz hinausgeht. Hier werden Potenziale geweckt – bei Menschen und Tieren. Junge Menschen, die Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen, erfahren Sinn, Anerkennung und Selbstvertrauen. Sie lernen, dass Erfolg Zeit, Geduld und Vertrauen benötigt – und dass Rückschläge ebenso zum Leben gehören wie Triumphe.
Ein ehemaliges Rennpferd wie Archie ist kein bloßes Objekt, sondern ein komplexes, liebenswürdiges Wesen, das Geduld, Verständnis und Respekt verlangt. Im Zusammenspiel mit Menschen entsteht ein Raum der Entwicklung, in dem beiderseitige Lebensweisheit und Selbstbewusstsein wachsen können. Genau dies ist das eigentliche Ziel der Vollblut-Dependance Happach: Jungen Menschen Halt und Perspektive zu geben – durch die Begegnung mit Tieren, in einem geschützten und kompetenten Umfeld.
Die Geschichte von Archie zeigt, wie Jugendförderung gelingen kann, wenn Vertrauen, Verantwortung und Empathie den Alltag bestimmen. Sie erzählt von Herausforderungen, von Scheitern und Wiederaufstehen, von Wachsen und Loslassen. Vor allem aber erzählt sie von Hoffnung – und davon, was möglich ist, wenn Menschen einander und den Tieren mit offenem Herzen begegnen.
Happach, 7. Juli 2025
Tobias Sachtleben, Dr. Wolf Johnssen
Hannelore Gallin-Ast