Die Helden von Happach

Als ich die Helden von Happach kennenlernte, habe ich schon über 15 Jahre mit Pferden gearbeitet.

Gemütliche Freizeitpferde, wilde Mustangs, sensible Araber, kräftige Kaltblüter und kraftvolle Hengste. Pferde aus dem Tierschutz und auf dem Gnadenhof, Problempferde und Pferde mit Menschenproblemen. Und Stuten, die so souverän waren, dass man sich ganz klein daneben vorkommt.

Happach ist ein himmlischer Ort und schnell entstand hier die Idee, mein Workshop-Konzept dort anzubieten. „Aber es wird nicht klappen“, kam dann ein Einwand von außen; „die Vollblüter können keine Co-Trainer in Workshops sein. Sie sind schließlich Rennpferde!“ Dieser Gedanke war mir nie gekommen, für mich haben alle Pferde dieselbe feine Wahrnehmung, die Sensibilität und Klugheit gemeinsam und sie verfügen über eine Verbindung zu Menschen, die sich nicht beschreiben lässt.

„There is something about the outside of a horse that is good for the inside of a man.“ sagte Winston Churchill und ich denke er meinte dasselbe. Also haben wir es ausprobiert, die Pferde machten mit, waren bei der Sache und es gab keinerlei Grund, dass es nicht funktionieren sollte. In den Workshops gibt es leichte Führübungen und einfache Parcours. Ich leite die Übung an, die Teilnehmer führen es aus und die Pferde tun das, was sie am besten können: sie nehmen die Energie des Menschen auf, erwidern seine Körpersprache und reagieren darauf. Aber nicht wie ein Spiegel, der nur das wiederspiegelt, was sich vor ihm abspielt sondern es findet ein Kommunikationsprozess auf einer höheren Ebene statt. Es ist schwer zu erklären, aber wenn man es erlebt hat, ist es leicht zu verstehen.

Im ersten Jahr meiner Arbeit mit den Helden von Happach habe ich großartige Mensch-Pferd-Begegnungen erlebt: Locando der im Renn-Schritt durch den Parcours marschiert und seine langsam schreitende Teilnehmerin dazu zwang einen Kompromiss der Geschwindigkeit einzugehen. Net Line, der einer unsicheren Teilnehmerin klar kommunizierte: keine Angst, ich weiss wie es geht, wir werden uns nicht blamieren. Und My Judge der einem Teilnehmer beibringt, dass er persönlich ein Ziel nur ansteuern wird, wenn der Mensch es fokussiert. Es gab auch Sequenzen, die ich früher kaum ausgehalten hätte: Pferde, die sich gar nicht bewegen oder die geballte Kraft und Energie zeigen. Aber nicht einfach so, unkontrolliert, unberechenbar, sondern genau dann und wohl dosiert, wenn der Teilnehmer genau das braucht um etwas zu lernen, zu verstehen, zu durchdringen womit er im Leben immer wieder an Grenzen gerät oder auf Wiederstand stößt. In einer einfachen Übung mit einem Pferd spürt man plötzlich etwas sehr deutlich, was einen an sein Leben draussen erinnert. Und man spürt, wie es sich anfühlt, wenn man dieses Problem, diese Blockade gelöst hat. So verlässt man den Workshop, geht zurück in seinen Alltag und doch hat sich etwas verändert.

Mittlerweile habe ich auch verstanden, dass manche Menschen denken, wir trainieren den Pferden diese Übungen an – so wie Hunde, die beim Besuch im Krankenhaus oder Altenheim Kunststückchen vorführen. Und dass es tatsächlich Trainerkollegen gibt, die so etwas tun. Aber das ist gar nicht nötig. Die Pferde – Tiere überhaupt – wissen viel mehr als wir ihnen zutrauen. Sie haben Millionen von Jahren ohne die Obhut und Führung des Menschen überlebt. Sie sind Beziehungsexperten und Profis in nonverbaler Kommunikation. In den Workshops tragen sie ihren Teil bei und sind dabei so genial, dass man es so niemals planen könnte. Insbesondere die Vollblüter, die Rennpferde, die Stress und Erfolgsdruck kennen, Frustration und Auspowern, aber auch das unvergleichliche Gefühl von Sieg und Gewinnen. Sie sind wundervolle Partner, Lehrer und Mentoren. Ich bin stolz auf sie und darauf mit ihnen arbeiten zu dürfen.

Doris Semmelmann im März 2016